Speinshart
Eine Million Jahre in 30 Metern Boden
Tongrube Barbaraberg
hütet Geheimnisse
Ein
Sommertag im Erdzeitalter des Trias:
Eine allerletzte Welle des sich
zurückziehenden Tethysmeeres, aus dem
einmal das Mittelmeer werden sollte,
schwappt über den Strand und hinterlässt
in dem feinen Sand ein hübsches Abbild.
220 Millionen Jahre später: Die
Erdkruste hat sich im Laufe der Äonen an
eine Stelle bewegt, in deren Nähe die
Menschen das Kloster Speinshart gebaut
haben. Der Geologe Andreas Peterek vom
Bayerisch-Böhmischen Geopark bricht die
längst zu Sandstein gewordene
Momentaufnahme der idyllischen
Strandszene aus dem Boden der Tongrube
Barbaraberg und zeigt sie den
Teilnehmern einer Exkursion am
vergangenen Donnerstag.
Der Tagebau, der hier seit den fünfziger
Jahren einige Jahrzehnte lang stattfand,
hat noch viel mehr freigelegt. „In den
30 Metern Tiefe stecken eine Million
Jahre“, erklärt Andreas Peterek.
Unzählige Schichten aus Ton und Sand
haben sich hier abgelagert. „Es ist ein
ganzes Buch der Erdgeschichte, und jede
Schicht ist eine Geschichte für sich.“
Schon ein paar Meter weiter erzählt ein
anderer Sandsteinbrocken seine
Geschichte.
Es ist die Geschichte von riesigen Seen
auf einem heißen und noch einzigen
Kontinent, der noch „Pangäa“ hieß, frei
übersetzt „alles Land“. „Sehen Sie diese
geometrischen Figuren?“, fragt Andreas
Peterek die Teilnehmer. Es sind halb aus
dem Stein schauende Würfel, exakte
Quader, wie von einem Feinmechaniker
gefräst. Doch intelligentes Leben gab es
noch nicht auf der Erde jener Zeit. Wer
oder was hat also diese Quader gemacht?
„Sand, Sand,
Sand, immer nur Sand“, veranschaulicht
Andreas Peterek die gigantischen
Zeiträume, in denen die Flüsse aus den
damals umliegenden Gebirgen große Mengen
zerbröselten Gesteins in die Seen
transportiert haben, auf deren Grund
sich die Sedimente der Tongrube
abgesetzt haben. Im Flusswasser waren
aber auch Salze gelöst, die aus
vollständig zersetzten Gesteinen
freigesetzt wurden.
Das Wasser des flachen Sees verdunstete
in der Hitze, aber die Salze blieben
drin und kristallisierten aus. Der
Würfel ist die typische Kristallform von
gewöhnlichem Kochsalz, aber auch anderer
häufiger Salze. Irgendwann später lösten
sich die Salzwürfel wieder auf, und
wieder neuer Sand füllte den
würfelförmigen Raum. Genau das sind die
Muster in dem Stein.
An einer
anderen Stelle finden wir feine,
parallel verlaufende Rillen im
ursprünglichen Seeboden. „Wir wissen
noch nicht, was das ist“, sagt Andreas
Peterek. Haben Tiere diese Spuren
hinterlassen? Nicht groß suchen muss man
nach Wurm-Grabgängen auf dem alten
Seeboden. Tatsache ist auch, dass man in
der Gegend schon Fußspuren
ursprünglicher Dinosaurier gefunden hat,
so von Plateosauriern, kleineren
Pflanzenfressern, die Dutzende von
Millionen Jahren vor den bekannten
großen Dinos wie T.Rex gelebt haben.
Vielleicht würde man auch hier
Dino-Spuren finden, wenn man
systematisch graben würde. Andreas
Peterek hat das auch vor. „Der Seeboden
soll frei präpariert werden, davon
träumen wir.“ Und er schwärmt: „Diese
Tongrube ist ein Eldorado für Geologen.“
Das will der Bayerisch-Böhmische Geopark
jetzt nutzen und „etwas
Geotouristisches“ daraus machen.
Aber auch
gegen eine Wiederaufnahme des Tagebaues
hätte Andreas Peterek nichts.
Schließlich sind für die Geologen gerade
solche frischen „Aufschlüsse“ wahre
Fundgruben. Wird dagegen jahrzehntelang
nichts gemacht, holt sich die Natur das
Gelände zurück. Und das Buch der
Erdgeschichte schließt sich wieder.